Call for Papers

Theorien der Digitalisierung und der Öffentlichkeit: Ein Neben- oder Miteinander?

Die Pre-Conference (Neue) Theorien digitaler Öffentlichkeiten reflektiert das theoretische Zusammenspiel von Digitalisierung und Öffentlichkeit vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen politischen, sozialen und kulturellen Kontexte.

In demokratischen Gesellschaften der Gegenwart spielt die kommunikative Sphäre der Öffentlichkeit eine wesentliche Rolle für das politische und kulturelle Zusammenleben. Sie stellt auf einer politisch-strukturellen Ebene die zentrale, konsensorientierte Informations-, Orientierungs-, und Validierungsebene für Themen von allgemeinen Belang dar (Gerhards & Neidhardt, 1990; Habermas, 1990; 1998). Auf einer kulturellen Ebene erscheint sie als vielfältiger Diskursraum, in der auf individueller und über-individueller Ebene durch die Nutzung verschiedener Kommunikationsmedien kulturelle Werte und Orientierung offen verhandelt werden. Die als einheitlich und statisch gedachte Sphäre der Öffentlichkeit wird dabei pluralisiert und aus dem engen Bereich des Politischen gelöst (wie etwa bei Couldry & Markham, 2008; Klaus & Lünenborg, 2004; McGuigan, 2005). Diese Pluralisierung wird auf einer normativ-politischen Ebene dann in der Regel allerdings entweder als Verfall interpretiert, der ein demokratisches Handeln gefährde, oder aber umgekehrt demokratisches Handeln erst durch die Herausbildung von Gegenöffentlichkeiten ermögliche.

Diese öffentlichkeitstheoretischen Argumentationslinien sind vor dem Hintergrund der Prozesse der Digitalisierung zu reflektieren. Digitalisierung beschreibt in ihrer technischen Form allgemein die Umwandlung von kontinuierlichen, analogen Zeichenträgern in eine diskrete, digitale Form (Ifrah, 2001), die dann mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien verarbeitet werden. Der Prozess der Digitalisierung weist neben einer technischen Ebene immer auch eine kulturelle und soziale Ebene auf, die es zu berücksichtigen gilt (u.a. Stalder, 2017). Diese stellen sich als sozial differenzierte Umgangsweisen mit verschiedenen Anwendungen im Internet dar, aber auch in Herausbildung neuer sozialer Gruppen wie etwa Hacker, Blogger, Lurker oder Maker. Nur durch ihre Einbeziehung kann eine technikdeterministische Theoriebildung zu den Folgen von Digitalisierungsprozessen vermieden werden. Daneben gilt es unterschiedliche Ausprägungen und Phänomene der Digitalisierung zu berücksichtigen. Die generelle Entwicklung der Computertechnik, aber auch der verschiedenen Bereiche des Internet, etwa vom Usenet zum World Wide Web, Soziale Netzwerkseiten, das Dark Net, aber auch Anwendungen und Artefakte des Internet-of-Things, künstliche Akteure wie (Social) Bots oder Algorithmen, oder Sprachassistenten sind hier nur einige Beispiele, an denen der Prozess der Digitalisierung sichtbar wird.

All diese Phänomene haben Auswirkungen auf die Öffentlichkeit, da durch sie Kommunikationen erstellt, verbreitet und rezipiert werden können, die sowohl auf politischer, als auch auf kultureller Ebene relevant sind. Daher sind sie umfassend zu problematisieren und theoretisch zu reflektieren.

Thematische Schwerpunkte der Pre-Conference

Die Pre-Conference reflektiert das Zusammenspiel von Digitalisierung und Öffentlichkeit auf theoretischer Ebene entlang dreier thematischer Schwerpunkte.

1. Theorien der Digitalisierung

Wie greifen Theorien der Digitalisierung die Phänomene und Probleme der Öffentlichkeitstheorie auf? Wie reflektieren sie deren grundlegende Dimensionen, etwa Themen der öffentlichen Kommunikation, das Zusammenspiel von Akteur und Struktur, oder soziale Kontexte (Wimmer, 2011). Welche weiteren Theoriekomplexe, etwa die Akteur-Netzwerk-Theorie (Latour, 1996), die Soziologie des Postsozialen (Knorr-Centina, 2007), die Affordanztheorie (Pentzold, Fraas, & Meier, 2013) oder die Theorien des Medienwandels (Kinnebrock, Schwarzenegger, & Birkner, 2015) können hier herangezogen werden, um die soziale und kulturelle Ebene der Digitalisierung mit Blick auf die Öffentlichkeitstheorie zu reflektieren? Welche Probleme bearbeiten diese Theorien und worauf geben sie Antwort? Welche Leerstellen der Öffentlichkeitstheorie können sie bearbeiten?

2. Theorien der Öffentlichkeit

Wie greifen Theorien der Öffentlichkeit die Phänomene und Probleme der Digitalisierung auf? Wie reflektieren die strukturell orientierten Klassiker der Öffentlichkeitstheorie, etwa Jürgen Habermas (1990; 1998), Hannah Arendt (2007), oder Chantal Mouffe (2007) den (medien-)technischen und sozialen Wandel zur Zeit ihrer Entstehung sowie in der aktuellen Forschung? Wie reflektieren kulturell orientierte Theorien der Öffentlichkeit Prozesse des digitalen Wandels? Welche Aspekte der Öffentlichkeitstheorie, wie die Dichotomie von öffentlich und privat, Zugangsmöglichkeiten oder Konsensorientierungen, sind durch die Prozesse der Digitalisierung anders zu denken?

3. Neue Theorie(n)

Ist das Öffentliche unabhängig von seiner medialen Form, oder bedarf es einer grundsätzlich neuen Theoriebildung, um eine besondere Qualität der digitalen Form öffentlicher Kommunikation zu fassen? Wie kann eine eigene Theorie digitaler Öffentlichkeiten aussehen, die nicht nur menschliche Akteure, sondern auch neuere Entwicklungen wie Social Bots, oder das Internet-of-Things berücksichtigt? Welche Reichweite hat eine solche Theorie? Wie kann der Medienwandel in eine solche Theorie integriert werden, damit sie auch zukünftigen Medienangeboten entsprechen kann? Welche methodologischen und methodischen Ansätze sind zu ihrer Erforschung nötig?

 

Literaturverzeichnis

Arendt, H. (2007). Vita activa oder Vom tätigen Leben (6. Auflage). München: Piper.

Couldry, N., & Markham, T. (2008). Troubled closeness or satisfied distance? Researching media consumption and public orientation. Media, Culture & Society, 30(1), 5–21.

Gerhards, J., & Neidhardt, F. (1990). Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. Fragestellungen und Ansätze. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Habermas, J. (1990). Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Habermas, J. (1998). Faktizität und Geltung. Beiträge zu einer Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Ifrah, G. (2001). The Universal History of Computing. From the Abacus to the Quantum Computer. New York, et al.: Wiley & Sons.

Kinnebrock, S., Schwarzenegger, C., & Birkner, T. (Hrsg.). (2015). Theorien des Medienwandels. Köln: von Halem.

Klaus, E., & Lünenborg, M. (2004). Cultural Citizenship. Ein kommunikationswissenschaftliches Konzept zur Bestimmung kultureller Teilhabe in der Mediengesellschaft. Medien & Kommunikationswissenschaft, 52(2), 193–213.

Knorr-Centina, K. D. (2007). Umrisse einer Soziologie des Postsozialen. In L. Meyer & H. Pahl (Hrsg.), Kognitiver Kapitalismus. Soziologische Beiträge zu einer Theorie der Wissensökonomie (S. 25–41). Marburg: Metropolis.

Latour, B. (1996). On actor-network theory. A few clarifications. Soziale Welt, 47(4), 369–382.

McGuigan, J. (2005). The cultural public sphere. European Journal of Cultural Studies, 8(4), 427–443.

Mouffe, C. (2007). Über das Politische. Wider die kosmopolitische Dimension. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Pentzold, C., Fraas, C., & Meier, S. (2013). Online-mediale Texte. Kommunikationsformen, Affordanzen, Interfaces. Zeitschrift für Germanistische Linguistik, 41(1), 81–101. https://doi.org/10.1515/zgl-2013-0005

Stalder, F. (2017). Kultur der Digitalität (2. Auflage). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wimmer, J. (2011). Zwischen Subjekt und System. Politische Öffentlichkeit als multidimensionaler Kommunikationsprozess und Mehrebenenphänomen. In T. Quandt & B. Scheufele (Hrsg.), Ebenen der Kommunikation. Mikro-Meso-Makro-Links in der Kommunikationswissenschaft (S. 163–192). Wiesbaden: VS.